Quelle von historischen Gegebenheiten

Veröffentlicht am: 18. Januar 2010

Die Archive und Festschriften unserer Chöre sind eine wertvolle Quelle und ein reicher Fundus für historische Gegebenheiten. Die Vereine leben in der Gesellschaft und sind daher ein Spiegelbild der Menschen und der gesellschaftlichen Situation. So gingen die Inflation und Deflation, die bitteren Kriegszeiten, die Notzeiten und Massenarbeitslosigkeit und die anderen mehr oder weniger schwierigen Verhältnisse und gesellschaftlichen Umbrüche nicht spurlos an den Vereinen vorüber und haben oft das Handeln der Vorstände maßgeblich beeinflusst. Viele ältere Kassierer, Geschäftsführer und sogar Dirigenten wissen von diesen mißlichen Umständen ein Lied zu singen und können viele wahre Geschichten erzählen, wie sie nun einmal das Leben schreibt. Wer sich die eine Dorfgeschichte oder Festschrift in einer stillen Stunde zur Hand nimmt, kann vieles davon nachlesen und dabei erkennen, dass die globale Geschichte auch nicht die Vereine verschont hat. Der jüngste Beispiel dieser geschichtlichen Tatsache kam mir vor wenigen Tagen unter die Finger und betrifft den MGV Siegburg-Kaldauen 1876 e.V. (Chorverband Rhein-Sieg), der vor mehr als 130 Jahren gegründet wurde und unmittelbar an der Sieg (wo sich die Kanuten und Angler tummeln) seine sängerische Heimat hat.
Doch bevor ich auf gewisse historische Einzelheiten eingehe, will ich noch über eine andere Gegebenheit berichten. In der näheren Umgebung von Kaldauen liegt das frühere Weindörfchen Weingartsgasse, wo der ortsansässige Männerchor „Constantia“ in den fünfziger Jahren einen namhaften Chorleiter für den Chorgesang und den Akkordeonunterricht mit Naturalien bezahlte. Was in Weingartsgasse geschehen ist, hat sich auch in anderen Vereinen zugetragen und hat geholfen, die schwere Nachkriegszeit besser zu bewältigen. Die Zeit hatte es wirklich in sich und hat den Menschen wahrlich vieles abverlangt. In Kaldauen hat Karl Pütz auf dem Speicher des Elternhauses alte Dokumente entdeckt, die von Jahren 1911 bis 1951 reichen und damit die Jahrzehnte abdecken, in den denen die Weltkriege geschehen sind.
Die Sänger Heinz Hemmersbach und Hartmut Neugart haben diese interessanten Dokumente sorgfältig unter die Lupe genommen und dem amtierenden Chorvorstand zur weiteren Sichtung und vereinseigenen Archivierung übergeben. Damit bleibt für die Sänger und die Nachwelt erhalten, wie es sich beispielsweise beim „Humoristischen Gesangswettstreit“ im Oktober des Jahres 1932 in Kaldauen zugetragen hat, wie die „Cäcilia“ Seligenthal und der „Sängerkreis“ Kaldauen im Jahre 1919 fusionierten oder wie sich ein gewisser Hans Staffel unter Chiffre für 10 Reichsmark um einen vakanten Chorleiterposten bemühte. Thematisiert wird auch die gegenseitige Mitgliederwerbung des MGV Kaldauen und des dörflichen Turnvereins. Unter den Archivstücken findet sich auch eine Liste aus dem Jahre 1947, aus der zu ersehen ist, wie viel Brot- und Fleischmarken die Chormitglieder erhielten.
Walter Dohr





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